[ Paul-Dessau-Schule Zeuthen - Schulprojekt Luigi Nono Schulwappen   D-A-6   


Unterrichtsbegleitende Materialen für das Fach Deutsch

Thomas Mann:

Vorwort zur deutschen Ausgabe von LETTERE DI CONDANNATI A MORTE DELLA RESISTENZA EUROPEA"

Immer wieder beim Lesen dieser Briefe Todgeweihter musste ich an die Erzählung Leo Tolstois denken, die den Namen "Göttliches und Menschliches" führt und aus der späten Lebenszeit des grossen Epikers, vom Jahr 1905, stammt. Sie spielt in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, "als der Kampf zwischen den russischen Revolutionären und der Regierung seinen Höhepunkt erreicht hatte", und schildert mit unvergleichlicher Eindringlichkeit die letzten Tage eines Studenten der Universität Odessa, Swetlogup, der aus Patriotismus und edelmütiger Unvorsichtigkeit in eine politische Verschwörung verwickelt, zum Tode durch den Strang verurteilt wird. Wir leben das mit ihm: Die Unfähigkeit des blühenden jungen Lebens, den Sinn des Urteils, das man ihm vorliest, überhaupt zu verstehen, an seine Vernichtung zu glauben, zu glauben, dass die Menschen das, was sie über ihn verhängt, tatsächlich und in Wirklichkeit ausführen werden: die Vorwürfe, die er sich ob der Verzweiflung seiner armen Mutter macht; sein Stolz zwischendurch auf den Mut; die Charakterstärke, die er bewahrt hat, in dem er sich beharrlich weigert, den Namen dessen zu verraten, von dem er das Dynamit erhalten, das man bei ihm gefunden hat: alles und vieles mehr. Seine Grübeleien über das Wesen des Todes und darüber, was nachher sein wird; die Übelkeit, die ihn befällt, als er, am Richtplatz angelangt, den Pfosten mit dem Querbalken und das Seil daran erblickt, das vom Winde leicht hin und her bewegt wird; seine letzten Begegnungen auf dem Gerüst mit dem Priester, dem Henker - all das wird uns durch die mächtige Sympathie und Seelenkunde des Dichters zur eigenen Erfahrung, und zum Erstaunen ist es, wieviel von seinen Intuitionen sich in den Dokumenten der Wirklickeit wiederfindet, die hier vorgelegt werden.

"Liebe, teure..." schreibt der junge Swetlogup an seine Mutter und beginnt zu weinen.

"Verzeihe mir, verzeih, dass ich Dir all diesen Kummer angetan. Ob ich nun geirrt oder nicht - ich konnte nicht anders. Nur um eines bitte ich Dich: Verzeihe! ... Traure nicht um mich. Ein wenig früher, ein wenig später, ist es denn nicht gleich? Ich fürchte mich nicht und bereue nicht, was ich getan habe. Ich konnte nicht anders. Nur verzeihe Du mir. Und zürne niemandem, weder jenen, mit denen ich gearbeitet habe, noch denen, die mich hinrichten werden... Verzeige Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Vor mir selbst wage ich diese Worte nicht zu wiederholen, aber sie sind in meinem Herzen, erheben und beruhigen mich. Verzeihe! Ich küsse Deine lieben, runzeligen alten Hände! ... Ich weine",
setzt er hinzu, da zwei Tränen, eine nach der anderen, auf das Papier getropft sind und darauf zerfließen, "ich weine aber nicht aus Kummer oder Angst, sondern vor Rührung im Angesicht des feierlichsten Augenblicks meines Lebens, und weil ich Dich liebe ... Den Tod fürchte ich nicht. Die Wahrheit zu sagen: ich verstehe ihn nicht und glaube nicht an ihn..."

"Verzeih, liebste Mutter", schreibt in Wirklichkeit, November 1942, einige Stunden vor seiner Hinrichtung, der österreichische Widerstandskämpfer Mittendorfer,

"dass ich Dir leider diesen Schmerz bereiten muss, ich habe oft darüber nachgedacht, ob dies notwendig war, ob ich nicht anders hätte tun sollen, aber ich komme zu dem Schluss: ich konnte nicht anders... Ich bereue es nicht, mein Leben war ehrlich und aufrecht, und so sterbe ich nun auch. Liebe Mutter, ich weiss, wie schwer Dich mein Tod trifft, ich ahne es, wie schwer es für eine Mutter ist, ein Kind begraben zu müssen, für das sie so viel Liebe, Sorge Stunden, Tage und Nächte hergegeben hat... Nun, es ist einmal so, dass Kinder den Eltern immer Sorge machen, als Kleine kleine Sorgen und je grösser sie werden, um so grösser werden auch die Sorgen... Ich konnte Dich, liebe Mutter, nicht mehr sehen, trotzdem aber sehe ich Dein Gesicht und fühle Dich ganz in meiner Nähe. Mit dem Gedanken an Dich werde ich von der Welt Abschied nehmen. Danke Dir nochmals für alles Gute und Liebe, nur eine Bitte habe ich noch: bleibe mir zuliebe mutig und stark..."

Man bewundert die Dichtung, weil sie so ganz zu sprechen weiss wie das Leben. Man ist doppelt ergriffen vom Leben, weil es unwissentlich genau so spricht wie die Dichtung.

Es klingt nicht anders auf französisch, wenn Fernande Volral aus Charleroi schreibt:
"Ma petite Maman, je vous demande pardon à tous de vous causer de la peine, mais je sais que vous me pardonnerez. La cause que je défends est juste, elle est sacrée. Que mes camarades sachent que je n'ai jamais douté de son triomphe... Mes anciennes compagnes de prison viendront certainement prendre de mes nouvelles. Tu leur diras que j'ai su accepter mon sort avec calme et que je me suis montrée digne jusqu'à la fin..."

"Meine kleine Mama, ich bitte Sie um Entschuldigung für all das, was ich Ihnen an Schmerzlichem zugefügt habe, aber ich weiß, daß Sie mir vergeben werden. Die Sache, die ich verteidige, ist gerecht - sie ist heilig. Meine Kameraden sollen wissen, daß ich nie an dem Triumph des Einzelnen gezweifelt habe.
Meine alten Gefängniskameraden werden sicherlich von mir hören. Du wirst ihnen sagen, daß ich mein Schicksal mit Ruhe erduldet habe und daß ich mich würdig gezeigt habe - bis ans Ende. Würdig bis ans Ende"

Digne jusqu'à la fin: Einer ermahnt sogar seinen Vater, dass er des Sohnes sich würdig erweisen möge, indem er seinen Schmerz bezähmt. Ein anderer hofft, dass sein eigener Sohn, wenn er heranwächst, sich seines Vaters würdig erweisen wird, und das "Lebt wohl, möget ihr alle euch meiner würdig zeigen!" kehrt immer wieder. "Auf alle Fragen, auf welche Weise und woher er das Dynamit erhalten habe, verweigerte Swetlogup die Antwort", erzählt Tolstoi; Und so sind in Wirklichkeit alle, ums Jahr 1943 in ganz Europa, wie siebzig Jahre früher die in Russland. Viele von ihnen sind lange und viehisch gefoltert worden, damit sie sprächen; aber sie haben geschwiegen und sind unbändig stolz darauf, denn der Gedanke daran, dass sie die furchtbare Probe bestanden und dass man dessen ehrend gedenken wird, "macht das schwere Sterben leichter".

"Lieber Papa und liebe Mamy", schreibt der neuzehnjährige Guy Jacques, erschossen 1944 in Lüttich,

"... auf der Kommandantur hat man mich verhört, damit ich spreche. Ich bin geschlagen worden, an einen Tisch gebunden, die Hiebe fielen wie Regen. Nie, nie habe ich irgendeinen Namen genannt. Ich hätte meinen Kopf retten können, aber lieber habe ich nichts getan oder gesagt, was das Vaterland verraten konnte. Nach all dem werdet Ihr begreifen, dass ich Mut genug habe, um erschossen zu werden. Das ist übrigens eine Kleinigkeit gegen alles, was ich ausgestanden habe. Viele Menschen sollten mir danken, dass ich ihre Namen nicht genannt habe. Und nun bin ich stolz auf mich, denn ich habe alles überstanden und viele Leben gerettet."
Und er unterschreibt: "Guy Jacques, immer Belgier, fürs Vaterland gestorben." Aber damit eine leise, tränenvolle Komik sich ins Heroische mische, mit der auch Tolstoi aus Wahrheitssinn seine Märtyrergeschichte hätte färben können, setzte der Junge nach der Unterschrift nochmal an und wiederholt sich, insistierend:
"Ein letztes Wort, um Euch zu sagen, dass ich meinerseits niemanden weder angezeigt noch angeklagt habe, trotz der zahlreichen Peitschenhiebe, die ich gekriegt habe, um mich zu Sprechen zu bringen. Ich hätte meinen Kopf in verschiedener Weise retten können. Doch lieber wollte ich erschossen werden als verraten, so sterbe ich als ein wackerer Mann und stolz auf mich selbst. Guy Jacques."

Im Grunde ist es ihr Glaube, auf den sie stolz sind, der die Quelle ihrer Standhaftigkeit ist und der nicht religiöser Art im eigentlichen, engeren Sinne zu sein braucht. Einige sind fromm. Sie sind es zuweilen auf halb scherzhafte Weise, etwa indem sie versprechen, den Ihren "im Himmel ein gutes Plätzchen zu besorgen". Zuweilen scheinen sie die Religion als ein gutes Trostmittel für andere zu schätzen, ohne ihrer selbst zu bedürfen, und raten den Hinterbliebenen: "Betet für uns. Das wird euch wohltun." An anderer Stelle ist vom Himmel und vom Widersehen dort mit schlichter Überzeugung die Rede: "Nous nous retrouverons tous les quatre, bientôt, au ciel." Und das schönste Zeugnis für die Gabe christlich- katholischenGlaubens legt der deutsche Kaplan Hermann Lange vor seiner Hinrichtung in dem Brief an seine Eltern ab:

"Wenn Ihr mich fragt, wie mir zu Mute ist, kann ich euch nur antworten: Ich bin erstens froh bewegt, zweitens voller grosser Spannung! Für mich ist mit dem heutigen Tage alles Leid, aller Erdenjammer vorbei - und 'Gott wird abwischen jede Träne von ihren Augen'. Welcher Trost, welche wunderbare Kraft geht doch aus vom Glauben an Christus, der uns im Tode vorangegangen ist! An ihn habe ich geglaubt, und gerade heute glaube ich fester an ihn und werde nicht zuschanden werden... Was kann einem Gotteskinde schon geschehen, wovor sollte ich mich denn fürchten?... Seht, die Bande der Liebe, die uns miteinander verbinden, werden mit dem Tode ja nicht durchschnitten. Ihr denkt an mich in Euren Gebeten, und dass ich allezeit bei Euch sein werde, für den es jetzt keine zeitliche und räumliche Beschränkung mehr gibt..."

"Dass ich allezeit bei Euch sein werde": von diesem Gedanken sind auch diejenigen erfüllt, die sich zur Religion indifferent oder ablehnend verhalten und, wie jene Fernande in ihrer letzten Stunde, versichern: "J'ai gardé toujours mes convictions, je suis toujours restée athée." Ja, es ist merkwürdig, festzustellen, dass diejenigen, die nicht von Gott und Himmel sprechen, für die Idee des Fortlebens den höheren, geistigeren, poesievolleren Ausdruck finden.

"Heute sterbe ich, es ist ein Maitag, wir sind vier im Raum und warten bis wir scheiden. Bei euch, unter euch werde ich sein, mit euch werde ich auf der Bank im Garten sitzen, mein Geist wird immer mit euch sein... Euch werde ich mit der Morgenröte zulächeln, euch mit der Dämmerung küssen. Möge die Liebe, und nicht der Hass die Welt beherrschen... Ich bin nur ein kleines Ding, mein Name wird bald vergessen sein, aber der Gedanke, das Leben und das Gefühl, die mich durchdrangen, werden weiterleben. Du wirst ihnen überall begegnen, auf den Bäumen im Frühling, in den Menschen auf deinem Weg, in einem flüchtigen und süssen Lächeln. Dem wirst du begegnen, was für mich Wert hatte, Du wirst es lieben und mich nicht vergessen. Ich werde wachsen und reifen, in euch werde ich leben, deren Herzen ich einnahm, und ihr werdet weiterleben, da ihr wisst, dass ich vor euch bin und nicht hinter euch, wie Du vielleicht geneigt warst zu glauben... Ich bin nicht alt, sollte nicht sterben, und doch scheint mir alles einfach und selbstverständlich. Nur die jähe Art des Scheidens erschreckt mich im ersten Augenblick. Die Zeit ist kurz, die Gedanken zahlreich. Ich verstehe nicht warum, aber meine Seele ist ruhig..."

Diese Worte stammen von einem jungen Tschechen die einen, von einem dänischen Partisanen die anderen. Ein von der Gestapo gefolterter und dann ohne Prozeß füsilierter Franzose fügt ihnen folgendes Bild hinzu, das mich besonders ergriffen hat:
"Comme je n'ai pas de réligion, je n'ai pas sombré dans la méditation de la Mort, je me considère un peu comme une feuille qui tombe de l'arbre pour faire du terreau. La qualité du terrain dépendra de celle de feuilles. Je veux parler de la jeunesse francaise en qui je mets tout mon espoir..."

"Da ich keine Religion habe, habe ich nicht in einer Meditation an den Tod vor mich hingedämmert. Ich betrachte mich ein wenig wie ein Blatt, das vom Baum fällt, um zu Humus zu werden. Die Qualität des Bodens wird von der der Blätter abhängen. Ich will von der französischen Jugend sprechen, auf die ich all meine Hoffnung setze..."

Es ist entschieden nicht recht gesagt, dieses "Comme je n'ai pas de réligion", es ist ein Irrtum. Denn wo Liebe, Glaube und Hoffnung sind, da ist doch wohl Religion. "Sieg oder Märtyrertum" spricht Tolstois Swetlogup zu sich selbst, "und wenn Märtyrertum, so ist auch das ein Sieg - Sieg in der Zukunft." An die Zukunft glauben sie alle, diese Sterbenden; sie können nicht anders als glauben, dass ihr Opfertod die Zukunft segensreich befruchten muss, dass sie dafür so jung ins Grab sinken, "pour faire du terreau". - "Weisst Du, Papa, es ist schön, in der Hoffnung einer besseren Zukunft für die ganze Menschheit zu sterben". - "Je crois qu'après cette guerre une vie de bonheur va commencer." Das kehrt immer wieder, und das Herz zieht sich zusammen bei dem Gedanken, was aus dem "Sieg der Zukunft", aus dem Glauben, der Hoffnung dieser Jugend geworden ist, und in welcher Welt wir leben.

In einer Welt bösartiger Regression, in welcher abergläubischer und verfolgungssüchtiger Hass sich paart mit panischer Angst; einer Welt, deren intellektueller und moralischer Unzugänglichkeit das Schicksal Zerstörungswaffen von scheusslicher Rasanz anvertraut hat, die man aufstapelt unter der schwachsinnigen Drohung "wenn es denn sein muß", die Erde in eine von giftigen Dünsten umhüllte Wüste zu verwandeln. Das Absinken des kulturellen Niveaus, die Verkümmerung der Bildung, die Stumpfheit im Hinnehmen von Untaten einer politisierten Justiz, Bonzentum, blinde Gewinngier, der Verfall von Treu und Glauben, erzeugt, jedenfalls gefördert von zwei Weltkriegen, sind ein schlechter Schutz gegen den Ausbruch eines dritten, der das Ende der Zivilisation bedeuten würde. Ein Verhängnis von Weltkonstellation zerrüttet die Demokratie und scheucht sie in die Arme des Faschismus, den sie nur niederschlug, um ihm, sobald er am Boden lag, wieder auf die Beine zu helfen, die Keime des Besseren zu zertreten, wo immer sie sie fand, und sich mit ehrlosen Bündnissen zu beflecken.

Umsonst also, vom Leben übergangen und verworfen der Glaube, die Hoffnung, die Opferwilligkeit einer europäischen Jugend, die den schönen Namen der Résistance trug, des internationalen einmütigen "Widerstandes" gegen die Entehrung ihrer Länder, gegen die Schmach eines Hitler-Europa, den Greuel einer Hitlerwelt, die aber mehr wollte als nur widerstehen, sich als Vorkämpfer fühlte einer besseren menschlichen Gesellschaft. Umsonst? Zuschanden geworden ihr Traum und Tod? - Es kann so nicht sein. Noch keine Idee, die reinen Herzens gekämpft, gelitten, gestorben wurde, ist zugrunde gegangen. Noch jede ist verwirklicht worden - und trug dann alle Makel der Wirklichkeit; aber Leben gewann sie. Es war kindlich, neunzehnjährig gedacht, "qu'après cette guerre une vie de bonheur va commencer." Die Erde ist nicht die Stätte des Glücks und reiner Moralität, und am wenigsten wird sie dazu durch den Krieg - sei es auch der gerechteste, notwendigste. Aber der Trieb, das Menschenleben dem Guten, Vernunftgemässen, Geistgewollten anzunähern, ist ein Auftrag von oben, dem keine Skepsis die Gültigkeit nimmt, dem kein Quietismus entkommt. Trotz aller Niederlagen, durch sie hindurch, hat er das Leben für sich. In diesen Abschiedsbriefen finden Christen und Atheisten sich in dem Glauben des Fortlebens, der ihre Seele ruhig macht. "Allzeit werde ich bei euch sein." - "Das Leben und das Gefühl, die mich durchdrangen, werden nicht sterben." - "Ich werde wachsen und reifen, in euch werde ich leben..." - Wer möchte es bezweifeln? Wer glaubt, dass in Spanien umsonst gekämpft worden ist und dann in all den Ländern Europas, aus denen diese Briefe stammen?

Die Zukunft wird diese geopferten Leben aufnehmen und weiterführen, sie werden "wachsen und reifen" in ihr. Diesem Buch aber, das ein Denkmal ist, hätte man die Worte zum Motto setzen könne, die ein junger französischer Arbeiter ein paar Stunden vor seiner Exekution, Februar 1944, schrieb:
"J'espère que le souvenir de mes camarades et le mien sera pas oublié, car il doit être mémorable."

"ich hoffe daß das Gedenken an meine Kameraden und mich nicht verblassen wird, denn es muß erinnerbar bleiben."

Thomas Mann

Zürich, im März 1954

→ Die Briefe

Hypertext: ©L Michael Klockmann